Freitag, 13. Mai 2011

Ein KunstSommer in Berlin - Vernissage am 13.05.2011
Die Position der gebürtigen Hamburgerin Erica Golling ist in der Minimal Art verortet.

Ihre farbenfrohen Werke sind Ausdruck der kompromisslosen Aufgabe der klassischen Formgebung zugunsten eines abstrakten Ausdrucks. Sie transportieren Lebensfreude und spontanen Aufbruch und profitieren von einem hohen Grad an Authentizität. Jedes ihrer Werke schafft den Raum für eine eigene Geschichte, die der Betrachter im Dialog mit dem Werk entwickeln kann. Die Strenge, die von der vollkommenen Reduktion auf abstrakte Formen und der Abkehr von jeder Form von Gegenständlichkeit ausgeht, steht in einem lebendigen Kontrast zu der expressiven Farbwahl und dem hohen Grad an Autonomie, die jeder einzelnen geometrischen Form innewohnen. Und erst in der endgültigen Anlage der Formen zu- und miteinander schafft Erica Golling eine neue individuelle Form des spielerischen  Ausdrucks und der unbändigen Freiheit, die jeden Betrachter in ihren Bann ziehen muss.

 

Die Vernissage zur Ausstellung „SommerKunst – Lucy in the Sky with Diamonds“ findet am 13. Mai 2011 um 19:00 in den Räumen der Berliner Achtzig-Galerie für Zeitgenössische Kunst in der Brunnenstraße 150 in 10115 Berlin statt. Die Ausstellung selbst ist für Kunstinteressierte vom 14. Mai bis zum 4. Juni 2011 geöffnet.

 

Aufregend verlief das Gallery Weekend in Berlin allgemein und in der Achtzig-Galerie für Zeitgenössische Kunst im Besonderen: Am Wochenende vom 29. April bis 01. Mai 2011 hatten zahlreiche Berliner Galerien dem kunstinteressierten Publikum der Hauptstadt ein ganz besonderes Highlight geboten und ihre Pforten auch am Wochenende geöffnet. Die Berliner Kenner der Kunstszene sowie ihre Gäste haben dieses Angebot begeistert aufgenommen und die Gelegenheit genutzt, die Vielfalt der künstlerischen Positionen, die Berlins Galerien zu bieten haben, intensiv ausgekostet. Ein Kunsterlebnis der Extraklasse, das auch die Galeristin Diana Achtzig zum Schwärmen bringt: „Nächstes Jahr“, so sagt sie, „wird die Achtzig-Galerie für Zeitgenössische Kunst auf jeden Fall wieder dabei sein und den Menschen die Möglichkeit bieten, Gegenwartskunst hautnah und jenseits vom Arbeitsalltag zu genießen und auf sich wirken zu lassen!“

 

Doch viel Zeit zum Schwärmen bleibt der außergewöhnlichen Galeristin und Künstlerin Diana Achtzig nicht, da in Form der nächsten großen Gruppenausstellung schon wieder ein  außergewöhnliches Kunsterlebnis in der Achtzig-Galerie für Zeitgenössische Kunst unmittelbar vor der Tür steht: Der Titel der Ausstellung „KunstSommer - Lucy in the Sky with Diamonds“ soll das Traumhaft-Surreale der hier dargestellten Positionen zum Ausdruck bringen.

 

Gezeigt werden die Positionen aus dem Galerieprogramm der Achtzig-Galerie für Zeitgenössische Kunst  Franziska Seiferts, Matthias Trotts, Sibylle Wills, Sammy Deichmanns, Isabella Sillers, Ralf Bergners, Erica Gollings sowie Diana Achtzigs. 

 

Die Steinskulpturen Franziska Seiferts zelebrieren die Mehrdeutigkeit der menschlichen Existenz. Ihre Figuren weisen zum überwiegenden Teil anthropomorphe Formen auf, doch werden meist nur Ausschnitte gezeigt. So erhalten ihre Figuren eine faszinierende Flüchtigkeit und Bewegtheit. Diese Lebendigkeit der Bewegung beweist auf welch hohem Niveau hier der Stein, der normalerweise Unbeweglichkeit, Starre und auch Tod symbolisiert, im künstlerischen Prozess verwandelt wird und ganz neue Positionen hervorbringt. Dabei entspricht die Uneindeutigkeit in der inhaltlichen Aussage auch der Materialwahl Franziska Seiferts: So finden die unterschiedlichsten Steintypen unter ihren Händen zu einem neuen Ausdruck. Die großformatigen Monotypien, die Franziska Seifert von zahlreichen ihrer Figuren gefertigt hat, gewähren dem Betrachter einen hoch interessanten Eindruck in den diffizilen Arbeitsprozess dieser außergewöhnlichen Vertreterin der Gegenwartskunst. Diese Einmaldrucke, seitenverkehrt gefertigt, sind ebenso individuell wie die Figuren selbst und vereinen als Dokument des kreativen Schaffensprozesses des jeweiligen Kunstwerks sowohl dessen Vergangenheit als auch dessen Gegenwart in sich.

 

Die Pfahlholzskulpturen des Magdeburger Künstlers Matthias Trott bestechen durch ihre (scheinbare) Einfachheit und bewusste Nähe zum Archaischen. Das Holz, das hier verarbeitet wird, ist Eichenholz und ca. 400 Jahre alt. Bearbeitet wird das Holz mit der Kettensäge und diese Spuren sollen auch sichtbar bleiben. Anschließend wird das Material gebrannt, gebürstet und geölt, mitunter auch noch gekalkt. Auf diese Weise entstehen einzigartige Porträtserien von menschlichen Körpern, die oft in ihrer sozialen Funktion wiedergegeben werden, so zum Beispiel die Figuren der Reihe der „Guardian-Wächterfiguren“. Oftmals erscheinen die menschlichen Körper auch auf Fragmente reduziert und die Position Matthias Trotts tritt dann in einen Dialog mit der Kunstgeschichte, der bis zu den Torsos der Antike zurückreicht (vgl. zum Beispiel „Torso/Kopf für E.“). Immer werden durch die archaisch-anmutenden Menschen-Skulpturen Matthias Trotts auch höchst abstrakte Inhalte transportiert. Seine Position ist eine sehr emotionale, die die Unmittelbarkeit ihrer Wirkung aus der Reduktion aufs Wesentliche (alles erfolgt allein über den rein Körperlichen Ausdruck) sowie aus der Urtümlichkeit und Einfachheit ihres Materials zieht. So trägt eine seiner Torso-Skulpturen den Titel „Torso/Distanzierte Nähe“ und zeigt eine wahrscheinlich männliche Figur, die in der klassischen Denkerpose vor den Betrachter tritt und damit gleich zwei Paradoxien aufruft, die die Fragwürdigkeit menschlicher Erkenntnis symbolisieren sollen: Denn dieser Torso hier verfügt über Arme und entfernt sich somit entschieden von seinen kunstgeschichtlichen Vorbildern. Die zum Kinn geführte Hand unterstreicht den reflexiven Moment. Und auch der Titel des Bildes setzt diesen Widerspruch fort. Das Oxymoron „Distanzierte Nähe“ beschreibt einen Grad der Entfremdung, der Teil der Position vieler Künstler der Contemporary Art ist, die die Unmöglichkeit echter menschlicher Nähe in einer Welt der Beschleunigung und der zunehmenden Technisierung zeigen wollen.

 

Auch der Wahlschweizer Sammy Deichmann drückt seine Position in der Arbeit mit dem an sich starren Werkstoff Holz aus. Dabei werden seine Werke durch das beständige Spiel mit den Möglichkeiten, aber auch natürlichen Begrenzungen des Materials Holz bestimmt. Die Lebendigkeit des an sich bereits toten Stoffes drückt sich in den spezifischen Eigenarten des Holzes aus, die in den künstlerischen Schaffensprozess einfließen: Zu den natürlichen Unregelmäßigkeiten in Struktur und Oberfläche kommen vermeintliche Fehler, wie Schwundrisse, die dem an sich toten Material eine faszinierende Lebendigkeit und bestechende Ausdruckskraft verleihen. Die Form seiner Figuren reicht vom rein Abstrakt-Figürlichen über organische Formen (wie in der Reihe „Organics“) bis hin zu filigranen Gebilden (zum Beispiel in den Objekten aus der Reihe „Balance“), die die Grenzen des physisch Möglichen austesten. Was all seine Skulpturen zusammenhält aber ist die bewusste Nähe zum Archaischen und Rohen: Wie schon bei Matthias Trott tragen auch seine, aus kompakten Baumstämmen entstandenen, Skulpturen noch die Spuren ihres Entstehungsprozesses in sich, in Form von Einfräsungen der Kettensäge und von Oberflächenbearbeitungen mittels Feuer und Wasser. Diese „zähmen“ das Material, indem sie es glätten und gleichzeitig witterungsbeständig werden lassen. Inhaltlich suchen seine Werke immer den Dialog mit den gesellschaftlichen Phänomenen seiner Zeit: Mitunter bilden die „Leerstellen“ innerhalb der Figuren das inhaltliche Zentrum: Die kompakte Struktur des massiven Eichenholzes wird durch linear vorgenommene Schnitte einer so großen Zerstörung ausgesetzt, dass die so entstandenen, mitunter gitternetzartigen, Figuren sich an der Grenze zur völligen Auflösung befinden. Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn ihre künstlerische Nachempfindung aus mehr Leerstellen als Strukturen besteht? Wenn das, was nicht ist, mehr Raum einnimmt als das, was für den Menschen greifbar ist? Wenn die Materie zum Rahmen des Nichts degradiert wird? Immer wiederkehrendes Thema seiner Figuren ist denn auch das Eingehen des modernen Menschen in der sinnleeren Konformität der Masse: Zeichen dafür ist der Hut, den viele seiner Menschenfiguren tragen und der sie als zueinander gehörig identifiziert. Er ist ihr einziges menschliches Merkmal, denn ein Gesicht, das ihnen Individualität verleihen würde, ist in der Position Sammy Deichmanns nicht vorgesehen.

 

Der Berliner Künstler und Illustrator Ralf Bergner fertigt Bilder, die weitaus mehr sind, als reine Illustrationen und schmückendes Beiwerk. Mit der Lust eines Kindes am Überbordenden und Bildgewaltigen greifen seine Zeichnungen und Gemälde (Märchen-)Texte, Aphorismen und Gedichte auf und übersetzten sie ins Visuelle. Die nur dem Diktat der eigenen Phantasie verpflichtete künstlerische Ausgestaltung lässt allseits bekannte Themen oder Texte vor dem Auge des Betrachters in einem ganz neuen Licht erstrahlen. Rein dekorative Elemente gehen hierbei ins Überbordende über, das auch gerne etwas dazu erfindet, und der Künstler schöpft aus dem Gewesenen und Gegenwärtigen und schafft beständig neue reiche Zusammenhänge. Das pralle Leben trifft hier mit seiner vollen emotionalen Bandbreite auf den Betrachter, der sich in dem Detailreichtum des Dargestellten hemmungslos verlieren kann. Närrisch-skurrile Elemente, die mitunter stark karikaturistisch daherkommen, finden sich in direkter Nachbarschaft zu zärtlich ausgestalteten Episoden  oder solchen, die ein Gefühl der Wehmut erzeugen. Das große emotionale Spektrum seiner Zeichnungen, das in der Lage ist, den Betrachter in all seinen Stimmungen aufzufangen, ist für die hohe Ausdruckskraft der Illustrationen und Zeichnungen Ralf Bergners verantwortlich, die oftmals die ihnen zugrundeliegenden Texte an Originalität und Einfallsreichtum überflügeln. Die soziale Schärfe, die einigen Zeichnungen eigen ist, erinnert nicht nur die Berliner an die karikaturistisch-liebevollen Bilder des Altmeisters Heinrich Zille.

 

 

Die Position Sibylle Wills ist stark konzentriert auf das Weibliche. Die Figuren, die ihre Bildwelten bevölkern, sind immer feminin und sehr zart. Gemein ist ihnen, dass sie ihre Weiblichkeit nicht verhüllen, sondern immer nackt vor den Betrachter treten. Die Farbwahl, fast immer ein Gemisch aus Grau-, Schwarz- und Weißtönen, das selten durch ein leuchtendes Rot durchbrochen wird, trägt bereits ganz wesentlich zu dem stark traumhaften und surrealen Eindruck ihrer Werke bei. Die Position dieser Künstlerin sucht ganz bewusst die Nähe zum Veristisch-Surrealen: Die Figuren und auch die Gesichter kommunizieren immer eine Sehnsucht, die Sehnsucht nach einem Ideal, nach dem persönlichen Paradies. Aus einem traumhaften Zustand heraus erfolgt ihre Suche, die mitunter real („Maybe 1&2“, „Warrior“ oder „Kriegerin“), also verwirklichbar ist, manchmal aber auch entfernt von jeder objektiven Realität, jeder Verwirklichung, erscheint („Nowhere“, „Path“ oder „Dreamwalker“). Der träumerisch-surrealistische Zustand, in dem sich die weiblichen Figuren hier befinden, kommuniziert oft Grundzustände des menschlichen Seins, wie zum Beispiel des Verliebtseins („Blus“) oder auch das Gefühl einer alles bestimmenden Vergänglichkeit („Path“). Der weiße oder naturbelassene Hintergrund der Bilder symbolisiert die Nichtexistenz einer Außenwelt neben der individuellen Traumwelt der Figuren. Die Frauen bzw. Mädchen sind in der realen Welt nicht anwesend: Sie sind nur mit und in sich selbst. Sie wollen die äußere Realität nicht, stehen ihr feindlich gegenüber, und suchen ihr persönliches ureigenes Paradies, wobei der Betrachter nicht erfährt, ob sie schon dort gewesen sind oder erst dorthin kommen wollen – ob sie also im Moment ihrer Ankunft oder Abkehr dargestellt werden. So sind sie oftmals selbst in Auflösung befindlich („Nowhere“, „Path“ oder „January“). Im Zentrum der Position steht neben dem unverkennbaren Bezug zum veristischen Surrealismus das asiatische Konzept  des Wabi-Sabi, das ästhetisch auf die Grundsätze des Zen-Buddhismus zurückführt. Dem entspricht die Auflösung, Unfertigkeit und Brüchigkeit der Figuren und damit der Weiblichkeit, die hier zur Darstellung gelangen, sowie die Reduktion auf das Wesentliche, das die meditative Suche der Figuren nach dem eigenen inneren Zentrum erst ermöglicht.

 

Der veristische Surrealismus bildet auch das inhaltliche Zentrum der Position der Berliner Galeristin und Künstlerin Diana Achtzig. Viele ihrer Werke beschäftigen sich mit dem menschlichen Grundgedanken der Freiheit und porträtieren vor diesem Hintergrund häufig Protagonisten, die vom Fliegen träumen. Für die starke Verbindung zum Surrealismus spricht die enorme Gegenständlichkeit ihrer Bildwelten, wobei die einzelnen Gegenstände immer wieder neue semantische Verbindungen eingehen und ihre alte Sinn- und Existenzgebung aufgeben. Diese neuen Verbindungen entführen den Betrachter in eine fremdartige Welt, die, ihrer ursprünglichen Sinngebung beraubt, höchst irreal und oft auch bedrohlich und schockierend daherkommt. Die Auflösung gewohnter Denkschemata sowie die Zusammenführung an sich disparater Gegenstände bezeugen die starke Anbindung der Position Diana Achtzigs an den veristischen Surrealismus. Immer wieder thematisiert wird auch das Fortschreiten der Technisierung: So begegnet der Betrachter in den Bildwelten Diana Achtzigs Massenprodukten des Konsumzeitalters, zum Beispiel Nähmaschinen, die das wirtschaftliche Leben, aber auch das menschliche Dasein, insbesondere das Weibliche stark verändern. Dabei geht der Gewinn neuer Freiheiten Hand in Hand mit einer potentiellen Gefährdung des modernen Menschen. Was wäre wenn die fliegenden Maschinen eines Tages die Herrschaft über ein Menschengeschlecht übernehmen würden, das sich allzu leicht durch neugewonnene Freiheiten blenden und über eine mögliche Gefährdung hinwegtäuschen ließ? Die Science-Fiction- Literatur und auch die cineastische Welt ist voll von solchen Geschichten, in denen sich die Geschöpfe am Ende der „Geschichte“ über ihren Schöpfer erheben.

 

Die österreichische Malerin Isabella Siller porträtiert in ihren Werken menschliche Grundsituationen und kombiniert sie gekonnt mit persönlichen Erfahrungen (zum Beispiel „Unter Lärchen“ oder „Das Streben nach Anerkennung“). Ihre Werke sind stark realitätsbetont und operieren doch immer auf zwei Ebenen. Sehr häufig geht es um die Konfrontation von Wahrheit und Schein, von Konformität und Individualität, und von dem Verlangen des Menschen, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten. Die Figuren ihrer Bildwelten wollen Anstand und Tradition bewahren, sie wollen ihre persönliche Lebensgeschichte an diese tradierten Begriffe anknüpfen (zum Beispiel „Eine Frage des Prinzips“). Natürlich und echt erscheinen oft nur die Kinder; sie sind noch nicht völlig von der konformistischen Gesellschaft unserer Zeit vereinnahmt worden: So zeigt das Bild „Das Streben nach Anerkennung“  eine Frau, die sich in einem Personenkreis auszieht, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Während der einzige anwesende Mann sich durch den Konsum von Drogen der Szene entzieht, sind es nur zwei Kinder, die sich bewusst und demonstrativ von der halbnackten Frau abwenden und sich so von einer scheingebundenen Realität lossagen, ohne dafür, wie der einzige männliche Erwachsene, selbstzerstörerischen Trieben zu gehorchen.